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Wir machen jetzt auch eine Baustelle! (von Ina Seber und Martina Wilhelm)
Ina Seber und Martina Wilhelm
Dieses Projekt fand im Hälden in Ingelfingen als so genannte
MINTecWerkstatt
statt. MINTec steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. MINTecHohenlohe ist eine Bildungsinitiative der Innovationsregion Kocher & Jagst e.V., die Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von MINTecWerkstätten einen Zugang zu naturwissenschaftlich-technischen Themen ermöglichen und dadurch das Interesse an Naturwissenschaften und Technik wecken möchte. MINTecHohenlohe wird bis Dezember 2010 von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert.

Das übergeordnete Thema der MINTecWerkstatt lautete „Bauen und Konstruieren“. Doch wo - außer in der Bauecke - kann man noch bauen und konstruieren, etwas, das man hinterher richtig nutzen kann? Gemeinsam machten wir uns auf den Weg dies zu entdecken. Ein Weg, von dem wir zu Beginn des Projektes noch nicht wussten, wohin er uns führen würde.
Nur der Start, der war uns schnell klar.



















Rohre
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir vor der Haustür  bzw. vor dem großen Panoramafenster unseres Gruppenraumes eine Baustelle: unser Kindergarten wird vergrößert und erhält hierzu einen Anbau. Jeden Tag  beobachteten die Kinder das Treiben auf dieser Baustelle. Wir sahen, wie der Bagger die Grube aushob, wie Gräben angelegt wurden und in diese dann Rohre verlegt wurden. Die Bauarbeiter, denen wir immer wieder  Fragen stellten, erklärten uns, dass durch diese Rohre das frische Wasser ins Haus fließt und das verschmutzte Wasser wieder aus dem Haus heraus geleitet wird: von der Spülmaschine, den Waschbecken, der Waschmaschine und den Toiletten.
Wir Erzieherinnen beschlossen, die Sache mit den Rohren aufzugreifen, und als Start für unser Projekt „Bauen & Konstruieren“ zu nutzen. Wir stellten den Kindern in unserer großen Eingangshalle Röhren in den verschiedensten Varianten zur Verfügung. Auch Bälle in unterschiedlichen Größen standen zur Verfügung und Werkzeug lag bereit. Angeregt durch diese Materialien experimentierten die meisten Kinder der Gruppe über eine Stunde und setzten sich hierbei mit unterschiedlichsten Fragestellungen auseinander:
  • Was kann ich sehen, wenn ich durch die Röhre hindurchschaue?
  • Komm ich mit der Röhre bis zur Decke?
  • Steht die Röhre von alleine?
  • Wie kann ich Röhren miteinander verbinden?
  • Welches Klebeband funktioniert am besten, um die Röhren miteinander zu verbinden?
  • Kann ich die Röhren ineinander schieben?
  • Was passiert, wenn ich die Röhren übereinander lege?
  • Können Röhren auf Röhren rollen?
  • Wenn ich die Röhren zuklebe, kann ich dann etwas hineinfüllen?
  • Wenn ich die Röhren aneinander lege, dann kann ich ein langes Rohr bauen.
  • Wie muss ich die Röhren legen, damit es so funktioniert wie die Rohre auf der Baustelle?
  • Ich mach mein Rohr, dass es schön aussieht.
  • Wie kann ich so eine Röhre kürzer machen?
  • Ich werfe eine Kugel in die Röhre, die ich in der Hand halte. Was passiert dann?
  • Mit welchem Werkzeug kann ich die Röhre ganz glatt machen?
  • Kann ich ein Loch in die Röhr machen, wenn ich den Schraubenzieher mit dem Hammer reinklopfe?
  • Rollt die Kugel schneller/ besser durch die Röhre, wenn ich auf der einen Seite etwas drunter lege, weil sie dann schief liegt.
  • Ich baue mir einen Halter für eine Trinkflasche.
  • Wie kann ich die Röhren so fest miteinander verbinden, dass sie es aushalten, wenn ich sie auf den Boden aufstelle?
  • Ich mach aus einer Röhre lauter kleine Teile. Mit der Säge schneid ich die ab.
  • Ich knall die Röhre auf den Boden – ob der Schraubenzieher dann (endlich) reingeht?
  • Ich will die Röhre durchsägen.
  • Ich kann die Röhren bekleben, dann ist das wie anziehen. Es gibt große und kleine, wie in einer Familie?

    Am Nachmittag räumten wir die Halle so um, dass Platz für die Werkbank und die Röhren entstand, um das freie Experimentieren fortan auch im Freispiel zu ermöglichen. In den nächsten Tagen entstanden rund um die Röhren unterschiedlichste Spielideen für Drinnen und Draußen: es wurden einige Instrumente gebaut, vor allem Flöten, die dann im Morgenkreis als Begleitinstrumente zum Einsatz kamen. Im Freien wurde Sand in die Röhren gefüllt, Sand mit einer Röhre glatt gewalzt. Experimentiert, wie tief die Röhre in das Loch passt (Tunnel messen), Abdrücke in den Sand gedrückt, eine Wasserleitung im Sand gebaut, die dann natürlich auch mit Wasser ausprobiert wurde.










  • Kinderkonferenz
    An einem der nächsten Tage hielten wir eine Kinderkonferenz ab. Es kam die Frage auf, wer Lust auf eine eigene richtige Baustelle hätte. Das Interesse war groß und die Kinder hatten viele Ideen was wir bauen könnten: Tierpark, Schiff, Bulldog, Kocherfluss.... Nachdem wir den Platz angeschaut hatten, den wir im Garten für unser Bauwerk vorgesehen hatten, sind wir die Ideen noch einmal gemeinsam mit den Kindern durchgegangen und überlegten, welche Idee am besten zu diesem Platz passen würde. Übrig blieb ein Vorschlag: ein kleines Haus/Hüttchen.

    Insgesamt 14 Kinder hatten Interesse beim Projekt „Baustelle“ mit dabei zu sein. Daraufhin haben wir sie in zwei Gruppen eingeteilt. Die jüngeren Kinder malten zunächst ihre Vorstellungen auf. Die älteren Kinder schauten sich Bilder von verschiedenen Hüttenkonstruktionen aus Naturmaterial an  und malten sich auf, was für Materialien für unsere Hüttenidee zu besorgen wären. Die Gruppe der älteren Kinder bestimmte selbstständig ein Kind zum Architekten. Dieser zeichnete dann von sich aus einen Grundriss und nahm seine Aufgabe als Bauleiter unverzüglich auf: nach Beendigung bestimmter Arbeiten sagte er zu den ausführenden Kindern/ Bauarbeitern „Gut gearbeitet!“

    Waldtag
    Beim nächsten Naturtag sammelten die Kinder im Wald Holzstöcke für unsere Baustelle. Nach einer Phase des Überlegens entschieden die Kinder, dass jeder aus der Projektgruppe einen Stock  in den Kindergarten transportieren soll. Zwei Kinder wollten unbedingt  einen riesigen Ast mitnehmen. Mit ihrer Ausdauer haben sie uns Erzieherinnen ganz schön überrascht. Bei einer Rast gingen sie beispielsweise ein Stück voraus, um zu schauen, ob sie mit ihrem sperrigen Ast überhaupt das kommende schmale Wegstück bewältigen können. Obwohl sie oft hängen blieben und es sogar Tränen gab, haben sie durchgehalten, und den Ast bis zum Kindergarten getragen.











































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    Baustelle einrichten und Baugrube ausheben
    Dann ging es zum ersten Mal auf unsere Baustelle. Alle Kinder hatten „Bauarbeiterkleidung“ an. Manche Kinder brachten sogar Werkzeug und Material wie z.B. Handschuhe, Meterstab und einen Bagger von zu Hause mit. Gemeinsam hatten wir die ersten Schritte besprochen: die Baustelle abstecken und einzäunen, sowie ein Loch graben. Der „Architekt“ hatte seinen Plan dabei, mit ihm wurde alles besprochen. Die meisten Kinder haben gegraben und ein paar haben die Schubkarren hin und her gefahren. Ein Bauarbeiter von der großen Baustelle transportierte  mit dem Baukran einen großen Kübel herüber, in den die Kinder ihre ausgegrabene Erde schütten durften. Das Graben war  für die Kinder sehr mühsam. Dennoch blieben viele  sehr ausdauernd dabei. Sogar am Nachmittag und an den folgenden Tagen waren sie mit Begeisterung mit Graben beschäftigt.

    Exemplarisch einige Erfahrungen der Kinder:

  • Jetzt geht das Ausgraben schon leichter wie am Anfang, (die Erde ist nässer vom Regen und aufgrund von Vorarbeiten der Erzieherinnen).
  • Es ist harte Arbeit, man kann dabei schwitzen.
  • Wenn man auf einen Stein hackt hört es sich anders an wie auf der Erde.
  • Auf den Steinen geht es schwieriger zu hacken.
  • Wie schwer ist die Erwachsenenhacke, ein echter Spaten, ein echter Baustein von den Bauarbeitern.
  • Hier gibt es viele Regenwürmer.
  • „Woher kommen eigentlich die Wurzeln in unserer Baustelle?“ Kinder: „Von Pflanzen.“ Erzieherin: „Könnten die auch von dem Baum nebenan sein?“ Kinder: „Nein, der ist zu weit weg.“ „Ja vom Baum, der hat lange Wurzeln!“
  • Für die Rohre brauchen wir einen Löffelbagger.
  • Wie sollen wir den Boden schräg machen, damit Wasser durch das Rohr laufen kann?
  • Man kann ja durch das lange Rohr schreien und am anderen Ende hört man es ganz gut
  • Passt mein Arm in das Rohr?
  • Ich kann gleichzeitig reinrufen und am anderen Ohr es hören.
  • Man kann sich mit den Arbeitsmaterialien verletzen, wenn man nicht aufpasst.
  • Wie können wir die große Wurzel entfernen?
  • Kann ich den echten Baustein (Y-Tong Stein von den Bauabeitern) schon alleine tragen, wie schwer ist der?
  • Kann ich mit der Säge auch Erdklumpen durchsägen? Geht das leicht/schwer? Wie lange brauch ich, bis ich so einen Klumpen durchgesägt habe?
  • Wie sieht die Erde, die Wurzeln, durch den Blick einer Lupe aus?

    Rohre verlegen
    In Person von Hr. Winterhalter, war sogar ein Fachmann vom Bauhof zu Besuch und hat mit uns gemeinsam die Rohre verlegt. Zuerst haben alle Kinder geholfen ein Gefälle mit Sand zu machen, damit die Rohre schräg liegen und das Wasser hindurch fließen kann. Danach durften einige Kinder mit zum Bauhof fahren und das benötigte Material holen: Rohre, Säge, Gleitgel...Dann konnte es richtig losgehen.
    Ein Rohr war zu lang, es musste abgesägt werden. Dann wurden die Rohre ineinander gesteckt. Ein Kind schlug vor, jetzt mal Wasser durchlaufen zu lassen, um zu schauen, ob wir die Rohre richtig gelegt haben. Das haben wir dann auch erfolgreich ausprobiert. Anschließend waren alle Kinder daran beteiligt die Rohre mit Sand abzudecken. Zum Schluss besprachen wir, dass uns jetzt noch Split zum Auffüllen der Grube fehlt. Die Kinder machten sich Gedanken woher wir den bekommen und wann wir die Grube auffüllen wollen.

    Erfahrungen und Aussagen der Kinder:

  • Der Bauhof sieht aus wie das Legoland!
  • Im Bauhof haben sich die Kinder stark für die Fahrzeuge interessiert.
  • Ein Kind hat mit der Gießkanne Wasser ins Rohr gefüllt, die anderen Kinder haben alle gesagt da kommt nichts. Es dauert eben seine Zeit bis das Wasser auch hinten angekommen ist und dann in den Eimer fließen kann.
  • Das Wasser fließt viel zu langsam.
  • Zum Glück haben wir noch einen Glattmacher (zum Sand festdrücken)!
  • Wir können doch Schotter von unserem Schotterweg nehmen!
  • Wir könnten doch auch unsere Freunde (zeigt auf die große Baustelle) fragen, ob wir von denen Schotter bekommen!

    Bei einem weiteren Arbeitseinsatz mit Herrn Winterhalter vom Bauhof wurde der Split verteilt. Von der Traktorschaufel aus schaufelten die Kinder ihn in ihre Schubkarren, und von dort aus in unser Loch.

    Erfahrungen und Aussagen der Kinder:

  • Der Schubkarren ist aber schwer!
  • Kommunikation und Absprachen waren gefragt wer nacheinander Schubkarren füllen darf, wer leert sie aus, wer glättet den Split, wer stellt sich wo am besten hin dass man sich nicht mit der Schaufel verletzt...
  • Der Split muss gleichmäßig verteilt werden
  • Zum Mitarbeiter der Stadt: „Weshalb gehört der Traktor zur Stadt, und nicht dir?“
  • Zum Glück weißt du, wie des geht!
  • Manche Kinder haben angefangen, das Lied vom Bob der Baumeister zu singen... können wir das schaffen...
  • Wie bekommen wir den Schubkarren richtig schwer für den Herrn Winterhalter? ( damit er auch schwer arbeiten muss)- Kinder rein setzten, Millionen, tausend von Kindern reinsetzen dann wird er richtig schwer.
  • Zu Herrn Winterhalter: Du musst immer kommen wenn wir bauen!
  • Die Kinder transportieren zuerst den Split aus der Schaufel in den Schubkarren, später haben sie sich in die Schaufel reingestellt und von oben nach unten den Split in den Schubkarren transportiert.
  • Ein Kind wurde mit der Schaufel am Mund getroffen, blutete dann. Die Kinder haben sich darüber unterhalten und anschließend haben wir alle, nach dem Vorschlag eines Kindes, unsere Helme aufgesetzt.
  • Können sich Arbeiter auch verletzten?
  • An manchen Stellen ist der Split trocken und an manchen Stellen feucht.
  • „Was ist das?“ Kind: “Eine große Wasserwaage. Papa hat auch eine aber eine kleine.“ Erzieherin: „Wozu braucht man denn eine Wasserwaage?“ Kind: „Zum gerade machen.“ Erzieherin: „Und was sieht man in der Mitte?“ Kind: „Eine Blase.“ Fachmann: „Eine Luftblase.“ Erzieherin: „Was bedeutet es, wenn die Luftblase an der Seite ist?“ Kind: „Dann ist unser Boden krumm.“

    Tonsteine herstellen
    Heute waren wir neben dem Kindergarten auf einem großen Erdhügel um Erde für unsere Lehmbausteine zu holen. Jedes Kind vom Bauprojekt hatte Arbeitskleidung, eine Schaufel und einen Eimer zum transportieren der Erde. In unserem Bollerwagen war eine große Schüssel, in die die Kinder ihre gefüllten Eimer  schütten konnten. Zurück im Kindergarten vermischten die Kinder die Erde mit Wasser und etwas Stroh. Denn dadurch entstandenen „Lehm“ füllten wir in Bausteinformen aus Milchtüten. Dann hieß es warten, denn der Lehm musste erst mal trocknen.

    Erfahrungen und Aussagen der Kinder:

  • Auf dem steilen Hügel, trockener und damit rutschiger Erde ist es ziemlich schwierig mit vollem Eimer herunter zu steigen, an der Schräge stehen, ohne herunter zu fallen oder gleichzeitig zu graben und den Eimer zu füllen
  • Es ist eine sinnliche Erfahrung, die manche Kinder auch Überwindung kostet, sich zu trauen, den Lehm anzufassen und die Masse mit den Händen zu mischen.
  • Die Kinder mussten miteinander reden und klären, wer wann an die große Schüssel konnte
  • Der Lehm fühlt sich gar nicht so schlimm an wie ich gedacht habe.
  • Die Kinder haben Spaß, vor allem wenn es spritzt, und die Kinder Lehmkleckser im Gesicht hängen haben
  • Andere Kinder dagegen fanden es überhaupt nicht toll, wenn ihre Kleidung etwas abbekommen hatte.

    Noch steht unser Haus nicht. Wie es weiterging? Fortsetzung hier demnächst!!!

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