< Praxis / Bericht

Können wir zusammen mit einem Fachmann unser Baumhaus vergrößern? (von Andrea Ilzhöfer)
Andrea Ilzhöfer

Dieses Projekt fand im Kindergarten Rinderfeld als sogenannte MINTecWerkstatt
statt. MINTec steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. MINTecHohenlohe ist eine Bildungsinitiative der Innovationsregion Kocher & Jagst e.V., die Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von MINTecWerkstätten einen Zugang zu naturwissenschaftlich-technischen Themen ermöglichen und dadurch das Interesse an Naturwissenschaften und Technik wecken möchte. MINTecHohenlohe wird bis Dezember 2010 von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert.

Das übergeordnete Thema der MINTecWerkstatt lautete „Bauen und Konstruieren“. Doch wo - außer in der Bauecke - kann man noch bauen und konstruieren, etwas, das man hinterher richtig nutzen kann? Gemeinsam mit den Kindern entwickelten wir daher eine Idee, von der ich hier berichten möchte..

Plan

Aufsicht

Sand

Herr Noerr

Saegen

Schmiergeln

Raetsche

Waage

Hammer

Kamin

Transport

Transport

Leiter

Leiter

>> zur kompletten Fotostecke (44 Bilder)

In unserem großzügigen Sandbereich steht ein „Baumhaus“. Es wird von den Kindern so genannt, weil es auf vier Stelzen steht. Das Haus ist sehr beliebt und immer belegt. Sowohl oben als auch unter dem Haus halten sich stets Kinder auf. So entstand die Idee, dass wir noch etwas an das „Baumhaus“ anbauen könnten, damit mehr Kinder im Haus Platz haben und dort spielen können.

Den Kindern war ziemlich schnell klar, dass vor dem eigentlichen Bauen einige Vorarbeiten geleistet werden müssen. Um den Anbau zu visualisieren und zu konkretisieren, erhielten die Kinder den Auftrag, einen Plan zu zeichnen. Es waren hier vor allem die Jungs, die an dem Maltisch diverse Pläne erstellten. Dabei kamen Werke zustande, die meine Kollegin und ich von den Kindern nie erwartet hätten. Auf den Plänen konnte man sehr genau sehen, wie die Kinder sich den Anbau vorstellen. Für sie war ganz wichtig, dass von der Spielebene oben eine Verbindung nach unten geschaffen wird, zum Beispiel in Form einer Treppe oder Leiter. Genau das war auch auf den Plänen wieder zu finden. Als nächstes haben wir uns den Bauplatz genauer angesehen und es wurde deutlich, dass vor Baubeginn noch jede Menge Sand beiseite geschafft werden muss. In stundenlanger Arbeit, ich denke es waren sicher weit über 10 Stunden, haben die Kinder konzentriert den Sand beiseite geschafft, damit wir dann, wenn wir Hilfe beim Bauen bekommen, auch sofort loslegen können. Die Spannung war sehr groß und sie konnten es kaum erwarten, bis es dann endlich am 2. Juli 2008 ans Bauen ging.

Schon um 8 Uhr fuhr Herr Nörr vom städtischen Bauhof in den Hof des Kindergartens. Sein Anhänger war beladen mit langen Vierkanthölzern, Brettern und natürlich dem entsprechenden Werkzeug und Kleinmaterial. Von den Kindern wurde er begeistert und voller Schaffensdrang empfangen. Zuerst musste allerdings noch etwas Sand vom Haus weggeräumt werden. Mit Sandbagger und Schaufeln machten sich ein paar Kinder sofort ans Werk.

Danach wurde mit Hilfe von Herrn Nörr die Länge der Vierkanthölzer abgemessen. Er markierte mit Bleistift die Länge auf dem Holz und gab den Kindern fachliche Hinweise für das Sägen, ohne ihnen jedoch die Arbeit aus der Hand zu nehmen. Die Kinder wechselten sich beim Sägen ab. Es war erstaunlich, welche Ausdauer und Geschicklichkeit die Kinder beim Sägen zeigten und wie selbständig sie das Durchsägen der Hölzer bewältigten. Herr Nörrs ruhige, freundliche Art und seine Wertschätzung den Kindern gegenüber war beispielhaft und half auch den zaghafteren Kindern, sich etwas zu zutrauen und die Arbeit auszuprobieren.

Ganz nebenbei wurden elementare physikalische Erfahrungen gemacht: „Die Säge wird ja heiß!“ Auf dieses Detail wiesen sich die Kinder gegenseitig hin und natürlich wurde das Sägeblatt öfters befühlt sowie Wahrnehmungen ausgetauscht.

„Achtung mit den Füßen, wenn der Klotz runter fällt!“ Dies war nur ein Hinweis unter vielen, den sich die Kinder gegenseitig gaben. Ein Zeichen dafür, dass sie untereinander Acht gaben und auf sich aufpassten. Überhaupt waren an diesem Vormittag kaum soziale Konflikte zu beobachten. Alle Kinder gemeinsam verfolgten ein Ziel, nämlich den Anbau für das Baumhaus voranzutreiben. Alle wollten diese Arbeit machen, schließlich hatten sie sich schon seit geraumer Zeit darauf gefreut und dem Projekt entgegen gefiebert.

Danach trugen sie gemeinsam die Hölzer für den Anbau zum Baumhaus, legten zusammen mit dem Fachmann die Wasserwaage ins Lot, halfen beim Andrücken, wenn gebohrt werden musste und schraubten anschließend mit der Rätsche das Vierkantholz an. Ein Mädchen, das auch weiterschraubte, als es sehr schwer ging, ließ sich nicht davon abhalten und meinte ganz stolz: „Ich habe das schon bei meinem Vater gemacht. Auch da ist es zuletzt nur mit viel Kraft gegangen. Aber ich kann das!“
Ich beobachtete einen Jungen, der an einem kurzen Vierkantholz einen schrägen Bleistiftstrich anbrachte und an dem Strich entlang das Holz absägte. Darüber wunderte ich mich, denn alle Hölzer wurden bis jetzt immer gerade abgesägt. „Wahrscheinlich will er halt mal quer sägen“, war meine Vermutung. Dann wendete ich mich wieder anderen Kindern zu. Umso erstaunter war ich, als mir besagter Junge nach geraumer Zeit den Kamin am schrägen Hausdach zeigte, den er selber dort mit Nägeln angebracht hatte. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Damit der Kamin senkrecht auf dem schrägen Dach steht, muss das Holzstück auch schräg abgesägt werden. Der Junge hatte selbstständig dieses Phänomen erkannt und ohne Hilfe eines Erwachsenen die fachliche Schlussfolgerung in die Tat umgesetzt. Freude, Stolz und das Wissen, etwas Sinnvolles für das gemeinsame Projekt getan zu haben, stand in seinem Gesicht geschrieben.
Die jüngeren Kinder schliffen mit Sandpapier die Dachlatten glatt und fuhren mit ihren Händen über das Brett. „Fass mal an, wie glatt das ist!“, „Ich habe mir Arbeitshandschuhe mitgebracht. Die brauche ich auch wirklich.“ Solche Kommentare der Kinder konnte man hören, sehen konnte man die wache Aufmerksamkeit in ihren Gesichtern. Auf dem gesamten Gelände waren immer mal wieder die jüngeren Kinder zu beobachten, wie sie auf Abfallhölzern Striche aufzeichneten, dabei mit dem Meterstab hantierten und sich sogar am Sägen versuchten. Ein Junge entdeckte, dass er mit dem Zimmermannshammer Löcher in das Abfallholz schlagen konnte: „Schau mal, wie tief das Loch reingehämmert wurde!“ Danach ging er auf ein anderes Kind zu und zeigte auf zwei Löcher: „Was ist der Unterschied?“ Kind: „Das Loch ist tiefer.“ Mathematische, physikalische Grundkenntnisse, Sprachkompetenz und soziale Fähigkeiten der Kinder wurden bei dieser MINTecWerkstatt ganz nebenbei gefordert und gefördert, ohne dass die Kinder von außen motiviert werden mussten.
Nachdem das Gerüst montiert war, trugen die Kinder die Dachlatten zum Haus. Herr Nörr nagelte sie leicht an und dann konnte man 4 bis 6 Kinder auf dem Dach beobachten, die gleichzeitig und treffsicher die Nägel hineinschlugen. Ein Kind, das dieser Aktion von unten zuschaute, zeigte auf die schrägen Dachlatten und meinte zu einem anderen Kind: „Wenn es regnet, läuft es dahinten runter.“
Währenddessen machte sich ein anderer Junge Gedanken, wie die Leiter gebaut werden könnte. Mit dem Meterstab lief er zum Haus, nahm Maß, wählte sich die Hölzer aus und begann diese abzusägen: „Ich will eine Treppe bauen!“ Erzieherin: „Wie willst du es machen?“ Der Junge antwortete: „So wie es geht!“ Die Sprossen wurden gemessen, zugesägt und zusammengenagelt. Zu dieser Aktion gesellten sich der Fachmann sowie noch weitere Kinder. „Die Sprossen müssen bündig abschließen, bevor ihr sie festnagelt“, erklärte Herr Nörr. „Zuerst die unterste und die oberste Sprosse und dann erst die dazwischen, so wird die Leiter gerade.“ Bei einem jüngeren Kind reichte die Kraft zum Nageln noch nicht aus, da war es ermutigend, als der Fachmann gemeinsam mit ihm den Hammer schwang und der Nagel endlich doch ins Holz ging. Anschließend fand die Feuerprobe statt: Passt die Leiter oder war die Arbeit umsonst? Die Leiter musste nur ein wenig gekürzt werden, doch von der Breite passte sie perfekt in den Einstieg des „Altbaus“. Natürlich wurde sie sofort von den Kindern erklettert und für gut befunden.

Von 8 Uhr bis 12 Uhr waren die Kinder voller Begeisterung bei der Sache. Erst als Herr Nörr zum Vespern ins Haus ging, ließen die Kinder ihr Handwerkszeug liegen, um seinem Vorbild zu folgen. Am Ende dieses Vormittags kam den Kindern die Idee, dass der Anbau noch eine Wand braucht und außerdem noch gestrichen werden muss. Herr Nörr erklärte sich bereit, im Bauhof nach weiterem Material zu fragen und noch einmal vorbei zukommen, damit dieses gemeinsame Projekt zu einem fachgerechten Abschluss kommen kann.


 
Drucken Zum Seitenanfang