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Wie kann man ein rohes Ei schälen?  (von Anja Käpplinger)
Anja Käpplinger

Aus der Experimentierwerkstatt des Städtischen Kindergartens „Haus am See“ in Schrozberg von Anja Käpplinger:

Alle Vorschulkinder sitzen im Gesprächskreis im Turnraum auf dem Boden. In der Mitte des Kreises steht ein Korb mit Heu. Impuls: Was könnte im Heu sein? Die Ideen der Kinder werden aufgegriffen. Jedes Kind kann selbst herausfinden was im Heu versteckt ist. Nacheinander fassen die Kinder ins Heu und holen sich ein Ei heraus.

Wir betrachten die Eier und halten die Besonderheiten fest: Das Ei ist oval, es ist kalt, es hat eine Schale, es ist zerbrechlich, da es nicht gekocht ist. Gemeinsam besprechen wir den Aufbau des Hühnereis. Um den Aufbau sichtbar zu machen betrachten wir ein aufgeschlagenes Ei und die dazugehörige Eierschale. Wir stellen fest, dass das Ei im rohen Zustand aus flüssigem Eiweiß besteht. Es hat einen orangefarbenen Dotter und eine Eierschale mit einer dünnen Eierschalenhaut.

Folgende Frage stelle ich den Kinder: Wie kann man ein rohes Ei pellen bzw. schälen? Ein rohes Ei kann natürlich nicht geschält werden. Das haben wir beim Aufschlagen des Eis bereits festgestellt. Ob man das Ei trotzdem von seiner Schale lösen kann, möchten wir mit einem Experiment „Ei im Essig“ herausfinden.

Wir gehen gemeinsam in unsere Experimentierwerkstatt. Die Eier legen wir erstmal in die bereitgestellten Eierbecher. In der Tischmitte erkennen die Kinder vier Essigflaschen. Ich erkläre den Kindern die Vorsichtsmaßnahmen und die Gefahren im Umgang mit Essigessenz, z.B. sehr viel Säure darf nicht getrunken werden, da sonst starke Verätzungen im Mund und Rachenraum auftreten können. Gemeinsam stellen wir fest, dass Essig sehr stark riecht. Sauer und scharf schmeckt z.B. in der Salatsoße.

In die Gläser geben die Kinder nun vorsichtig das Ei und füllen das Glas mit Essig bis das Ei ganz bedeckt ist. Nun beobachten wir das Ei im Essig. Schon nach kurzer Zeit können erste Beobachtungen erzählt werden: Das Ei beginnt zu schwimmen, es wird größer, es gibt viele Bläschen am Ei, die Bläschen schwimmen nach oben usw.

Die Gläser werden an einen sicheren Platz gestellt und zuvor mit einem Namensaufkleber versehen. Die Beobachtungen malen die Kinder anschließend auf ein Blatt Papier. Danach werden die Eier nochmals beobachtet. Was ist zu sehen? Was hat sich verändert? Die Kinder schildern ihre Beobachtungen: Das Ei hat jetzt noch mehr Bläschen und an der Wasseroberfläche bildet sich Schaum.

Folgende Erklärung wird an die Kinder weitergegeben: Mit der Schale passiert jetzt etwas. Die Säure im Essig greift die Eierschale an. Die Eierschale ist aus Kalk und Kalk kann vom sauren Essig aufgelöst werden. Beim Auflösen entstehen viele Gasbläschen (Kohlendioxid). Solche Bläschen kennen die Kinder auch vom Mineralwasser.

Ob sich wohl das ganze Ei auflösen wird oder doch nur die Schale?
Ich erkläre den Kindern, dass wir die Eier erst am nächsten Tag aus dem Essig holen werden, da unser Experiment sehr viel Zeit braucht. Dann wollen wir auch nachschauen, ob vom Ei noch etwas übrig ist oder ob sich nur die Schale gelöst hat. Die Eier werden mit einem Löffel beschwert, da sie im Essig schwimmen und nicht vollständig bedeckt sind.

Am nächsten Tag gehen wir wieder in unsere Experimentierwerkstatt. Was ist mit unserem „Ei im Essig“ passiert? Wir wiederholen noch einmal gemeinsam, was wir am Vortag gemacht haben. Das Experiment wird somit vertieft und die Erfahrungen werden nochmals ins Gedächtnis gerufen.

Die Kinder schildern sofort ihre Beobachtungen. Jeder nimmt sein Ei vorsichtig aus dem Glas heraus, da sich sehr viel bräunlicher Schaum gebildet hat. Es ist zu sehen, dass sich die Schale aufgelöst hat. Das Ei fühlt sich weich und glibberig an. Die restlich weich gewordene Eierschale wird unter fließendem Wasser abgespült.

Den Kindern wird bei diesem Vorgang bewusst, dass sich die Schale tatsächlich aufgelöst hat. Sie fühlen und sehen, dass das Ei nur noch vom dünnen Eierschalenhäutchen zusammengehalten wird. Die Eierschalenhaut ist weich und elastisch und ein stabiles Netz für das rohe Ei. Das rohe Ei ist auch noch ohne seine harte Schale noch sehr gut verpackt. Das „Gummi-Ei“ wird nun gegen eine Lampe gehalten. Ganz deutlich ist der gelbe Dotter im Eiweiß zu sehen. Das „Gummi-Ei“ kann sogar mit den Fingern gedrückt werden und man kann allerlei lustige Dinge damit anstellen z.B. einen Faden herumbinden, um zu zeigen, dass es wirklich keine harte Schale mehr hat.

Wir halten noch einmal fest, dass der Essig die ganze Schale aufgelöst hat und das Ei nun geschält ist ohne dass wir es pellen oder kochen mussten.
Jedes Kind packt sein Ei in eine kleine Plastiktüte und kann es mit nach Hause nehmen.

Fachliche Erklärung

Wenn ein Ei in Essig liegt, bilden sich nach kurzer Zeit Bläschen auf der Eierschale. Bei den Bläschen handelt es sich um Kohlenstoffdioxid, das aus der Kalkschale freigesetzt wird.

Eierschalen bestehen zu einem großen Anteil aus Kalziumcarbonat, einer in der Natur häufig vorkommenden Verbindung, die am Knochenbau beteiligt ist, aber auch als Gestein z.B. Dolomiten vorkommt. Auch unsere Zähne enthalten Kalziumcarbonat, sind darüber hinaus noch aus vielen anderen Mineralien zusammengesetzt.

Essig bzw. Essigsäure (Haushaltsessig besteht aus einer etwa 5% wässrigen Essigsäurelösung) reagiert mit allen Karbonaten. Dabei entsteht immer ein Gas, Kohlenstoffdioxid.

Genau genommen steht dahinter ein chemisches Prinzip, nach dem eine stärkere Säure eine schwächere Säure (in diesem Fall Kohlensäure) aus einem Mineral bzw. Salz verdrängt. Die Kohlensäure zerfällt in Wasser und das Gas Kohlenstoffdioxid. Deshalb sind auch unsere Zähne gegenüber Säuren extrem empfindlich. Aber auch Eierschalen werden durch Essigsäure allmählich aufgelöst und es bildet sich Kohlenstoffdioxid.

Reflexion

Die Kinder konnten im Anfangsgespräch ihre Vorerfahrungen einbringen. Jeder wusste etwas über das Ei zu berichten z.B. Koch- und Backerfahrungen, Lieblingsessen und Bauernhoferlebnisse. Auch das aufgeschlagene Ei fand großes Interesse bei den Kindern. Es wurde genau beobachtet und Besonderheiten hervorgehoben. Die Vermutung es könnte über Nacht ein Küken aus dem Ei schlüpfen hat die Kinder besonders beschäftigt.

Sachinformationen zum Thema Eierlegen musste ich an die Kinder weitergeben, damit der Unterschied zwischen dem „Ei im Essig“ und einem gebrüteten Ei bewusst wurde. Im Verlauf des Experimentes waren alle Kinder sehr engagiert beteiligt. Für die Kinder war es eine spannende Angelegenheit, das „Ei im Essig“ zu beobachten und zu schildern was passiert. Auch am Nachmittag schauten die Kinder in die Experimentierwerkstatt, um Veränderungen im Essigglas zu beobachten. Sie berichteten mir, dass das Ei schon ganz durchsichtig aussieht und die Schale ein bisschen verschwunden sei. Der viele Schaum im Glas wurde besonders bestaunt.

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