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Spuren finden Spuren legen lernen
Vortrag beim 3. Hohenloher Bildungsforum am 17. 11. 2007 in Neuenstein
(von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer)
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Zuhörer

Unterschiede zwischen Männer und Frauen - das Gehirn von Frauen ist kleiner und hat weniger Nervenzellen - trotzdem sind Frauen genauso schlau. Männer haben 4 Mio. Nervenzellen mehr - keiner weiß warum.

Wir geben den Jungens immer das Auto, den Mädchen die Puppen - autospielende Jungen und puppenspielende Mädchen. Es stellt sich die Frage: ist das so? Ist das Erziehung? Eine Untersuchung mit einer Pavianherde wurde vorgenommen: in eine Pavianherde hat man Autos und Puppen gegeben; die Pavianmännchen haben sich die Autos genommen, die Pavianmädchen die Puppen. Paviane wurden aber nicht erzogen.

Natürlich können Sie sagen - früher waren wir Jäger und Sammler - Männer die Jäger und im feindlichen Gebiet; Frauen die Sammler und zu Hause mit anderen Frauen, haben kommuniziert; daher haben Männer ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen besser. Dabei muss man darauf achten, dass man nicht in die Falle tappt und die Dinge aus dem richtigen Blickwinkel sieht. Die meisten Wissenschaftler sind Männer und die Tests von Männern entwickelt, daher sind die Test für Männer!!

Beispiel:

These - Die Räume der Männer sind weiter als die der Frauen. Ein Mann fährt 70 km zur Arbeit, eine Frau fährt im Laufe des Tages ca. 20 Km. Was macht Mann / Frau? Wie ist der erschlossene Raum strukturiert? Der Mann fährt zur Arbeit und wieder nach Hause. Die Frau fährt die Kinder, fährt einkaufen usw. sie hat sich den Raum ganz anders erschlossen. Bei den Männern ist der Raum "leer", bei der Frau ist der Raum "voll".

Beispiel: Stadtverhalten von Jugendlichen: Jungens streuen alleine herum wie "Großstadtcowboys"; Mädchen gehen eher in Gruppen, fragen sich, was man mit den Erwachsenen anstellen kann, reden.

Seit 1991 kann man Gehirn scannen und genau feststellen was wo im Gehirn stattfindet.

Das größte Treffen der Hirnforscher ist in San Diego - ein wissenschaftliches Treffen mit
31 000 Wissenschaftlern, die Ihre Forschungen auf Postern präsentieren. Dieses Treffen ist die einzige Möglichkeit um mit anderen Wissenschaftlern zu kommunizieren.

Früher hat man erforscht wo im Gehirn die Sprache, usw. ist; heute ist Gegenstand der Forschung, wo entsteht Vertrauen, wo Kommunikation, wo Bestrafung, wo Einsamkeit, wo Eifersucht, wo Schadenfreude.

Untersuchung - wie finden Männer und Frauen und Frauen aus einem Labyrinth - Frauen sind nicht ganz so gut wie Männer; es wird im Gehirn anders erledigt: "Frau" geht am 3. Gemüsestand links; Mann am Pfeil links. Man muss dabei wieder darauf achten, dass man nicht in die übliche Falle tappt. Wenn man der These folgt, dass Frauen früher im Sammeln gut waren, müssen sie räumlich gut gewesen sein, um die Früchte, Beeren usw. zu finden. Man hat eine Untersuchung auf dem Wochenmarkt gemacht; Männer und Frauen zu einzelnen Ständen geführt und hinterher in der Mitte des Marktes in einer Abgrenzung, ohne dass man sah wo die Stände sind, gefragt wo die Stände sich befinden. Das Ergebnis hat man auf einer Plattform mit einem Zeiger dargestellt. Das Ergebnis: wie gut der Standort getroffen wurde hing von den Kalorien der Nahrung ab: bei Gurken und Salat lagen die Ergebnisse 80 Grad daneben, bei Oliven und Honig 8 Grad; je mehr Kalorien, desto weniger lagen sie daneben. Dabei war der Effekt bei Frauen deutlicher als bei Männern. Frauen waren auf dem Wochenmarkt besser als Männer - d.h. Frauen eigenen sich den Raum genauso an wie Männer, aber anders. Wir brauchen aus Frauen keine Männer zu machen, wir dürfen Frauen nur nicht durch die Brille der Männer sehen.

 

Beispiel Schach spielen:

Unter den ganzen berühmten Schachspielen sind nur  etwa 9 Frauen - warum? Bei 250000 Untersuchungen wer spielt gegen wen und wieviel hat man festgestellt, dass wenn mehr Mädchen mit dem Schachspiel beginnen auch mehr Mädchen besser sind (Untersuchung in den USA). Bei Untersuchungen, die in der Regenbogenpresse veröffentlicht werden muss man immer vorsichtig sein und fragen: wer hat die Untersuchung gemacht und was steckt dahinter!

Untersuchungen ergeben auch immer Verteilungskurven. Beispiel: Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer. Das bedeutet aber nicht, dass alle Frauen kleiner sind als Männer. Die Kurve ist bei der Größe schon lächerlich, erst recht ist sie bei der Begabung lächerlich. Das Feld ist viel komplizierter. Lesen und Musik schließen Technik nicht aus. Jungs lesen die Gebrauchsanweisung zum Zusammenbauen eines Motorrades und der Sportteil einer Zeitung. Was wird in der Schule gelesen? - Geschichten - Lesen lernt man aber durch lesen. Wer sucht das Material aus? - meist Frauen. Mit Physik und Chemie verhält es sich entsprechend - wer sucht die Beispiele aus? - Männer. Nimmt man in Chemie zur Untersuchung Kosmetika - ist das Interesse der  Frauen besser. Die Untersuchungen spiegeln oft nur die Machtverhältnisse.

 

Untersuchungen an Babys

Früher waren bis zum 6. / 7. Lebensjahr die Kinder nicht dem Bildungsministerium zugeordnet, sondern dem Sozialministerium (arme, schwache...). Dabei sind die Babys wahre Lernwunder. Das Denken hat sich gewaltig geändert. Bringen Sie mal einem Hochleistungscomputer bei, ein Glas Wasser zu trinken oder die Schuhe aus dem Schrank zu holen!! Warum kann der Computer manches ganz schnell und warum sind sie Volltrottel, wenn es darum geht ein Glas Wasser zu holen? Sprachcomputer funktionieren bis heute nicht.

Beispiel:

Ein Sprachcomputer übersetzt folgenden Satz ins Englische und wieder zurück ins Deutsche:
Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Bei der Rückübersetzung hört sich das so an:
Der Wodka ist gut, das Steak ist verrottet.
Dem Computer fehlt das Weltwissen. Weltwissen bedeutet, im Umgang werden im Gehirn Abläufe gelernt, man lernt was das soll.

Beispiel:

Vorlesung im 7. Semester Medizin; die Studenten haben schon viel gehört über das Gehirn. Auf die Frage, wofür man Synapsen hat, herrscht bei 150 Medizinstudenten Funkstille. Im Kopf hat man 1 Million Milliarden Synapsen, das sind unglaublich viele Verbindungen. Der Witz ist, dass sich diese verändern, wenn sie genutzt werden. Im Gehirn sind schon viele
elektrische Impulse herein und heraus gegangen - es gibt schon viele Spuren = lernen = es ändern sich die Synapsen. Bei einem Mal passiert nicht viel, jedoch wenn es immer wieder
genutzt wird.

Beispiel:

Im Neuschnee ist ein Stand mit Glühwein und eine Toilette - nach einem Tag ist eine Gebrauchsspur vom Stand zur Toilette. Macht am nächsten Tag ein weiterer Stand auf, gehen die meisten um den Stand herum und nutzen die bereits gelegte Spur, da es bequemer ist. Durch Benutzen entstehen im Gehirn Spuren.

Wenn Sie am Sonntag nur das Gute Porzellan benutzen, damit es schön bleibt, machen es manche mit dem Gehirn genauso, damit es "frisch" bleibt! Das Gehirn ist aber dafür da, dass es gebraucht wird, das Gehirn funktioniert dann immer besser. Es braucht eine Struktur. Die Struktur ist wichtig und entsteht nur durch Gebrauch. Dabei hat die Säuglingsforschung viel geleistet.

Ergebnisse einer großen amerikanischen Studie, da es inzwischen viele DVD's für Babys gibt. In Amerika konsumieren Babys schon mit 3 Monaten Medien, mit 1 Jahr regelmäßig Programme mit DVD's. Ärzte sagen - bis 2 Jahre kein Konsum, mit 2 Jahren beginnen.

Untersuchung:

1000 Eltern wurden befragt was sie mit dem Baby machen- Vorlesen, Musik, Programme usw. Mit einem Sprachtest wurde die sprachliche Entwicklung abgefragt.

Ergebnis:

tägliches Vorlesen ist gut für das Baby; Kinder sind besser im Sprachtest. Mit Musik wurde ein schwächeres Kriterium angelegt. Spielt ein Kind ein Musikinstrument und spielt es regelmäßig vor, wird einmal gelernt, dass ich durch Üben besser werde und dass Vorspielen nicht schlimm ist. Ergebnis: durch selber tun werde ich besser und vor Prüfungen braucht man keine Angst zu haben, d. h. ein Musikinstrument macht Kinder besser, der Effekt ist groß.

Spezielle DVD's und Fernsehen sind negativ - und zwar doppelt so groß wie das Vorlesen. Das bedeutet: Babys werden dadurch nicht schlau sondern dumm.

Man kann mit Babys unglaublich gut forschen. Beispiel: Wie gut sieht das Baby. Der Erwachsene geht zum Augenarzt;

Untersuchung bei einem Baby:

Das Baby sitzt bei der Mutter und schaut auf eine graue Wand; statt der grauen Wand zeigt man Kartons mit schwarzen und weißen Streifen - die Streifen werden immer breiter; mit einer Video-Kamera wird das Baby gefilmt; das Baby "schaut" wenn es die Streifen erkennt; - Ergebnis: Babys sehen erst gut mit 1 Jahr.

Untersuchung Spielen:

Das Baby lernt das Spielen mit einem Spielzeug, indem es mit dem Spielzeug umgeht, nicht durch ansehen.

Sprache:

Man kennt 70 verschiedene Sprachlaute; die englische Sprache hat 44 verschiedene Sprachlaute. Ein Baby kann alle Sprachlaute hervorbringen.

Untersuchung:

9-11 Monate alten Babys liest eine Chinesin regelmäßig vor.
9-11 Monate alte Babys wird ein Video mit Chinesisch vorgespielt
keine Videos, kein Vorlesen

Ergebnis:

Die Babys können die Laute besser unterscheiden als die Babys, denen nicht vorgelesen wurde. Es reicht eine Vorlesezeit von 20 Minuten 3 mal in der Woche. Die Untersuchung hat gezeigt, dass ein Video nicht den Erfolg bringt. Das Kind braucht den Bezug mit den anderen.

 

Beispiel:

Ein Philosophieprofessor liest seinem Baby
--- Kant vor. Er liest begeistert. Das Baby merkt: Vater ist begeistert und das Baby hört zu.
--- Micky Maus vor. Er liest gelangweilt. Das Baby merkt: Vater langweilt sich und das Baby braucht nicht zuhören.

Bau eines Baumhauses:

Mit meinem 5-jährigen Sohn habe ich ein Baumhaus gebaut. Als es fertig war, stellten wir fest, dass der unterste Balken falsch war (- nun können Sie sagen: was wird das schon, wenn ein Psychiater ein Baumhaus baut!!) Mit einem langen Balken hat der 5-jährige das Baumhaus angehoben; er vergisst nie mehr die Hebelwirkung!

Kindertageseinrichtungen sind die Bildungseinrichtungen. Allgemeine Erziehungstipps sind gefährlich. Kinder brauchen alles auch Technik; Technik benutzen sie dauernd. Die Technik auszublenden ist das Dümmste. Es gibt nichts Besseres als in Kindertageseinrichtungen zu investieren.

Fragen:

1. Was geschieht beim Vergessen?

Das Vergessen ist ein sehr komplexer Vorgang - kurz erklärt unterscheidet man

--- Erkrankung - wie Alzheimer
--- das Gehirn hat eine Sache mit einer ähnlichen "überspeichert"
--- etwas war nicht gespeichert z. B. man legt den Schlüsselbund kurz ab!!!

2. Kann man ein Kind mit den verschiedenen Angeboten in Kitas überfordern?

Eine gute Frage - die Untersuchungen haben gezeigt, wenn ein Kind "genug" hat schaltet es ab. Grundsätzlich sind aber Ruhephasen, Entspannung, Bewegung usw. notwendig.

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