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Was beinhaltet die „reggio-orientierte Arbeit“?
(von Barbara Pfersich)
Barbara Pfersich
An der Richard-von-Weizsäcker Schule fand im April 2007 ein Fachforum „Erfahrungen aus der Kindergartenpraxis“ zu den Themen „Eltern als Experten“ und „Der Raum als dritter Erzieher“ statt. Frau Pfersich, Leiterin des Kinderhauses, schilderte konkrete Erfahrungen aus der Perspektive des Teams und der Eltern.
Frau Barbara Pfersich ist Leiterin des Städtischen Kindertagesstätte Violetta in Ludwigsburg-Neckarweihingen, Schwarzwaldstraße 47, das im Sommer 2006 als reggioorientierte Kindertagesstätte zertifiziert wurde. Sie ist Beauftragte des Vereins „Dialog Reggio e.V. in Baden-Württemberg“.
Mail Adresse ist: Kinderhaus.Violetta@kita-lubu.de.
Tel.: 0 71 41 – 5 33 43

Frau Pfersich über die pädagogische Arbeit der Kindertagesstätte:

Im letzten Sommer wurden wir von Prof. Tassilo Knauff Vorstandsmitglied des Vereins Dialog Reggio e.V. als reggioorientierte Kindertagesstätte zertifiziert. Es war ein langer Weg, spannender Weg bis zur Zertifizierung. Wir sind jetzt seit 34 Jahren an diesem Standort und unsere Leitung Frau Barbara Pfersich hat diesen Prozess mit ihrem Team engagiert und nach einer Studienreise nach Reggio Emilia vor 17 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.

Was heißt für uns „reggio-orientiert“?

Präambel: Die Reggio-Pädagogik ist kein Modell. Sie ist eine Erziehungsphilosophie, bei der die Rechte der Kinder und ein reflektiertes Bild vom Kind eine zentrale Stellung einnehmen. Reggio-Pädagogik konkretisiert sich in der Weise des pädagogischen Denkens, Wahrnehmens, Fühlens und (professionellen) Handelns. Dabei spielen auch die Rahmenbedingungen der elementarpädagogischen Praxis in Deutschland eine Rolle. Sie bilden die alltäglichen Umstände für den Dialog und die Interaktion mit Kindern, auch wenn sie der Weiterentwicklung oder Veränderung bedürfen.

1. Das Kind
Das Kind verstehen wir als Konstrukteur seiner individuellen Wirklichkeit und Entwicklung. Kinder bilden sich im sozialen Kontext selbst. Sie sind von Anfang an in der Lage, sich mit ihrer sozialen Umwelt auszutauschen und sie machen sich von Geburt an durch sinnliche Erfahrungen ein eigenes Bild von der Welt.

Wir sehen das Kind als eigenständiges Wesen
Wir hatten am Samstag ein Sommerfest. Es entstand aus den eigenen Ideen der Kinder. Es war einfach wundervoll, wie sie es gestaltet haben – teilweise ohne zu proben – die Ideen im Kopf.
Für uns ist es wichtig, die Kinder ernst zu nehmen und mit ihnen gemeinsam ihre Stärken zu entdecken. Die Kinder haben bei uns eine anregungsreiche Umgebung. Durch Beobachtungen des Teams werden Themen der Kinder herausgefunden und aufgegriffen. Ihre Neugierde und Ideen sind uns wichtig. Kinder können nicht gebildet werden – ein aktives Kind bildet sich selbst.


2. Kinder als Ko-Konstrukteure
Einen Teil ihres Wissens erwerben Kinder in der Gemeinschaft anderer Kinder. Für den Aufbau von Beziehungen sind Altersstruktur und Gruppengröße wichtige Komponenten. Kinder brauchen Unterstützung für die Bildung kleiner Gruppen und die Möglichkeit, sowohl Beziehungen mit Gleichaltrigen einzugehen als auch Kontakt zu Kindern auf anderen Entwicklungsstufen zu pflegen.

Kinder als Ko-Konstrukteure
Es gibt bei uns Lerngemeinschaften, Bündnisse und kleinere Interessengruppen. Durch Beobachtungen und Gespräche mit den Kindern finden wir heraus, welche Themen gerade spannend sind und wir suchen die Möglichkeit, dass die Kinder ihre Kenntnisse vertiefen können. Durch die tägliche Konferenz gibt es viele Möglichkeiten andere Kinder für die Mitarbeit an Themen zu finden und für Ideen Werkstätten zu kreieren.

3. „Das Kind hat hundert Sprachen“
Die verschiedenen Möglichkeiten der Sinneserfassung bilden die Grundlage für die vielen Sprachen der Kinder. Damit ihre Sinneserfahrungen zu einer Sprache werden können, brauchen Kinder Materialien, Werkzeuge, Rollen- und darstellendes Spiel, Musik, bildende Kunst und auch symbolische Strukturen, um möglichst viele Formen der Wirklichkeitsaneignung zu erfahren, auszuprobieren und um persönliche Ausdrucksformen zu entwickeln.

Das Kind hat hundert Sprachen und noch viel mehr
Wir haben ein großes Angebot an Räumen und Materialien. Diese verschiedenen Möglichkeiten bilden die Grundlage für die Entfaltung der vielen Sprachen der Kinder. Damit ihre Sinneserfahrungen zu einer „Sprache“ werden können, brauchen Kinder Zeit – Raum – Werkzeuge – Abenteuer – verlässliche Partner – Theater – Spiel – Verwandlung.
Ein Beispiel hierfür sind die Kunstprojekte mit der PH Ludwigsburg.
Wir haben mittwochnachmittags Kunststudentinnen im Kinderhaus. Diese Erfahrungen sind für die Kinder und Studentinnen sehr nachhaltig. Im Wintersemester fand auch eine Exkursion mit den Kindern in dem Malersaal der pädagogischen Hochschule statt.
Wir waren mit Kindern, Eltern und Studentinnen in Stuttgart im Rosensteinmuseum und im Marionettentheater und haben die Inspirationen aufgegriffen und umgesetzt.


4. Lernen in Projekten
Die thematischen Projekte entstehen aus Beobachtungen, Erlebnissen, Gesprächen und Impulsen der Kinder wie der Erwachsenen. Sie wachsen als Projekte, wenn im Prozess der kindlichen Aktivität die Fragen der Kinder Zeit, Raum und Material erhalten. Den Erwachsenen kommt die Rolle des dialogischen Begleitens zu, dazu gehört das Beobachten, Dokumentieren und Impulsgeben als Herausforderung und Zumutung von Themen.

Lernen in Projekten
Wichtig ist das Beobachten und Weiterentwickeln von Ideen und Kinder.
Es ist wichtig, auch loszulassen, wenn die Kinder eine neue Idee haben. Wichtig ist die Veröffentlichung der Ideen durch Wandzeitungen an den Pinnwänden – Fotos und Zitaten der Kinder.

5. Dokumentation
Die Dokumentation dient der Ideensammlung und als kollektives Gedächtnis. Dokumentation ist eine Weise des professionellen Handelns sowie eine Möglichkeit zur Selbst-Evaluation. Dokumentation ist die Grundlage einer Pädagogik des Zuhörens und der Partizipation der Kinder. Sie macht Lernen sichtbar. Einerseits hilft sie damit den Erzieherinnen. Sie ist die Basis zur Rekonstruktion von Bildungsprozessen. Andererseits hilft sie den Kindern ihre Lernprozesse zu überdenken, zu strukturieren und ihre eigenen Lernstrategien zu verbessern.

Dokumentation
Die tägliche Kinderkonferenz wird protokolliert und ausgewertet – auch Beobachtungen beim Spielen und Dialoge werden von uns reflektiert und aufgegriffen. Wir haben Portfolio-Ordner im Kinderhaus. Wir machen größere und kleinere Dokumentationen der Projekte. Wir veröffentlichen sie an sprechenden Wänden und in den Portfolio-Ordner und Mappen. Seit vielen Jahren unterstützen uns die Eltern immer wieder bei den Präsentationen – es ist wichtig, dass wir in diesem Bereich Unterstützung haben. Wir haben eine Broschüre herausgegeben. Das Kinderhaus von A – Z. Was wir wirklich täglich machen, ist jeden Morgen von 7:00 Uhr bis 7:30 Uhr das Besprechen von Situationen im Haus und über einzelne Kinder.

6. Das Selbstverständnis der Erzieherinnen und die Bedeutung des Teams
Die Anerkennung der Selbstständigkeit ist die Grundlage des pädagogischen Handelns. Prozesse der Verständigung zwischen Kindern und Erzieherinnen stellen sicher, dass die Erwachsenen wahrnehmen und berücksichtigen, was Kinder in ihre Bildungsphase einbringen. Wahrnehmendes, entdeckendes Beobachten bildet einen wesentlichen Teil des professionellen Handelns. Erzieherinnen sind kompetente Partnerinnen in kindlichen Forschungsprozessen. Die Mitarbeiterinnen, vor allem die Erzieherinnen arbeiten miteinander, reflektieren ihre Arbeit sowohl im Team als auch mit den anderen Einrichtungen und lernen dabei voneinander. Sie erhalten Praxisberatung und bilden sich kontinuierlich fort. Regionaler, nationaler und internationaler Austausch wird angestrebt.

Die Bedeutung des Teams
Wir arbeiten daran täglich durch Absprachen und Strukturen, die Aufgaben zu bündeln. Es gibt eine Koordinatorin, die jeden Tag schriftlich vorbereitet und strukturiert. Sie leitet dann für eine Woche die Kinderkonferenz, den Tag mit Geburtstagsfeier usw. Die anderen Mitarbeiterinnen sind verantwortlich für Mittagessen, Zähneputzen usw. Die Funktionsräume sind bei uns klar strukturiert. Es gibt in den Räumen klare Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Wir versuchen durch die Unterstützung der Eltern, Dienste abzudecken und Eltern als wertvolle Mitarbeiter einzubinden.

7. Der Raum als „dritter Erzieher“
Räume wirken als reichhaltige, vorbereitete Umgebung, die den Kindern sowohl Anregung und Herausforderung bieten, als auch Geborgenheit und Rückzugsmöglichkeiten. Sie können als Gruppenräume strukturiert sein, wie auch als Funktionsräume, z. B. Räume für: Atelier, Bewegung, Entspannung etc. Einrichtung und Material haben durch die Präsentation Aufforderungscharakter, bieten ordnende Orientierung, ermöglichen unterschiedliche Perspektiven, fordern verschiedene Wahrnehmungen und laden zum forschenden Lernen ein.

Raum als dritter Erzieher
Wir haben im Kinderhaus Funktionsräume mit Bildungsschwerpunkten. Der Eingang ist die Visitenkarte des Hauses. Dann kommt man in ein Haus bestehend aus Sechsecken. Das Kinderhaus wurde vor drei Jahren saniert und es wurde nochmals überprüft, welche räumlichen Impulse wichtig sind, um unseren Tagesablauf gut strukturieren zu können und die Multifunktionalität zu ermöglichen.
So wurde im Eingangsbereich eine „Piazza“ eingerichtet, in der wir täglich um 9:00 Uhr unsere Kinderkonferenz durchführen. Im Einbauschrank sind unsere Bewegungsmaterialien gelagert, damit wir diesen Bereich multifunktional nutzen können. Im linken Sechseck ist ein großer Bau- und Konstruktionsraum mit einem rieseigen Bauteppich und einem Podest. Im Raum dahinter verbirgt sich der Yoga-Raum und Vorlesebereich.
Es gehen alle Räume von der Mitte aus, und so haben wir im nächsten Sechseck eine Projekt – Wortwerkstatt. In diesem Raum finden zeitlich begrenzte Spielaktionen und Projekte statt. Das Angebot wird immer wieder verändert. In diesem Raum gibt es Mittagessen. Dahinter ist eine Küche und Frühstücksterrasse.
Rechts vom Eingangsbereich befindet sich das Atelier – Tonwerkstatt – Labor. Das Atelier kam nach der Sanierung in den hellsten Raum des Hauses. Wir bekamen auch eine Freiluftterrasse dazu.
Wir bemerken es täglich, wenn wir Balance von Ordnung, Organisation und Freiheit in den Räumen beachten. Dann sind die Kinder viel kreativer und jedes Kind findet seinen Bereich.
Die Räume werden auch spontan verwandelt – so kann auch ein Wolfsrudel seinen Platz finden oder ein paar Löwen ihren Käfig.
Das Angebot des Materials ist sehr wichtig und auch veränderbar. Wir haben zwar das klassische Kindergartenprogramm im Keller, benötigen es aber sehr selten.
Räume sollen Orte der Provokation sein.


8. Lebensgemeinschaft auf Zeit mit Müttern und Vätern
Sie sind die Dialog- und Erziehungspartner des Teams. Die Lebenslage der Familie sowie ihre Kompetenzen sind wichtige Bezugspunkte des pädagogischen Handelns. Die Bildungsprozesse der Kinder werden durch Dokumentation sichtbar gemacht. Eltern werden so an den Denk- und Handlungsprozessen der Kinder beteiligt.

Lebensgemeinschaft mit Müttern und Vätern
Wir „hegen und pflegen“ unsere Elternschaft. Nicht nur die Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat ist gut. Durch das Projekt „Eltern als Experten“ finden wir immer mehr Eltern, welche sich mit ihren „Stärken“ einbringen.
Wir haben einen Vater, welcher unseren Computer betreut und wir die neuesten Erkenntnisse aus dem PC Bereich nutzen können. Auch eine Diplom-Musiklehrerin hat eine Rhythmik Gruppe hier im Hause gegründet. Ein Vater hat über seine Arbeit als Testfahrer am Nordpol berichtet, eine Pfarrerin hat mit Kindern über Engel Gespräche geführt und wir haben eine Kochgruppe mit engagierten Köchinnen und Köchen.
In den vergangenen Wochen wurde ein Baumhaus gebaut, welche die Eltern am Samstagen gebaut und auch finanziert haben.
In diesem Sommer laden wir unsere Kinderhaus Eltern zu einem Italienischen Abendessen ein.
Es finden zwei bis dreimal im Jahr mit den Eltern Entwicklungsgespräche statt. Diese werden vom Gesamtteam vorbereitet.
Mit Kooperationspartnern und Eltern treffen wir uns auch öfters in kürzeren Abständen. Meistens zwei bis dreimal im Jahr. Elternabende und Elternschule für Reggio-Pädagogik sind bei uns im Kinderhaus fest eingeplant.
Wir pflegen auch eine Unterstützungsstruktur im Kinderhaus. Eltern, welche nicht so viel Geld haben oder in Not sind, bekommen von anderen Eltern Unterstützung.


9. Gemeinwesenorientierung
Die Kita ist Bestandteil des öffentlichen Lebens und kooperiert mit anderen Institutionen. Die Verknüpfung der Erfahrungen der Kita-Kinder mit dem Gemeinwesen, in dem sie leben, und die Offenheit der Kita gegenüber Eltern, Nachbarn und Experten sind wesentlicher Bestandteil der elementarpädagogischen Arbeit. Die Arbeit in der Kita steht dabei in Wechselwirkung mit der Umgebung. Die Erfahrungen der Kinder mit Kunst und Kultur, Verkehr und Kommunikation, Handwerk und Gewerbe, Bildung und Forschung realisieren sich sowohl in dem Austausch von Personen und Orten außerhalb der Kita als auch in dem Hineinholen von Repräsentationen dieser Bereiche.

Gemeinwesenorientierung
Durch regelmäßige Exkursionen sind die Kinder im Stadtteil, in der näheren und weiteren Umgebung unterwegs. Wir pflegen die Kooperation mit anderen Institutionen und haben zurzeit mit dem Turnverein ein Fußball-Training für Kinder.
Durch Veröffentlichungen im Gemeindeblatt und in der Zeitung informieren wir regelmäßig über unsere Veranstaltungen.
Es gibt im Jahr mehrere Abende der offenen Tür. Wir laden über die Presse und Emails Eltern, Nachbarn und interessierte Menschen ein, gegen 17:00 Uhr ins Kinderhaus zu kommen. Am Abend findet dann ein Vortrag statt. Alle Mitarbeiterinnen sind im Haus und so können Fragen in allen Funktionsbereichen gestellt werden.
Wir haben regelmäßig Anfragen von Fachschulen und Erzieherinnen, welche in regelmäßig stattfindenden Informationsnachmittagen zu uns kommen.
Es kommen Anfragen aus Baden Württemberg und der Schweiz.


10. Rechte der Kinder
Jungen und Mädchen gestalten den Kita-Alltag mit. Interkulturelle Kompetenzen aller Kinder werden gefördert und Kinder mit besonderen Bedürfnissen berücksichtigt. Entsprechend der UN-Kinderrechtskonventionen setzen wir uns für die Anerkennung der Rechte und Potenziale der Kinder ein.

Rechte der Kinder
Wir besprechen die Rechte der Kinder in der Kinderkonferenz und im Tagesablauf. Wir leben sie auch mit ihnen. Jedes Kind hat bei uns das Recht so zu sein, wie es ist.
Respekt ist ein großes Thema und die Kinder wissen sehr genau, was respektvoll und respektlos bedeutet.
Die Kinder haben ein Recht auf Lernen und Erkenntnis.
Das Recht auf Ausbildung des Selbst.
Ein Recht auf ein schöpferisches Leben.
Ein Recht auf Erfahrung mit Gleichaltrigen.


11. Konzeptionelle Weiterentwicklung
Die Kita ist eine ständig im Wandel befindliche lernende Organisation. In diesem Zusammenhang überprüft das Team in regelmäßigen Abständen seine Praxis und nimmt Hinblick auf die Umsetzung der genannten Punkte, notwendige Veränderungen vor.

Konzeptionelle Weiterentwicklung
Es ist uns wichtig, ständig an der Weiterentwicklung unserer Pädagogik zu arbeiten. In unseren regelmäßigen Teamsitzungen sprechen wir immer wieder über unsere nächsten Schritte und Ziele. Die Meinungsbefragung der Eltern spiegelt diesen Prozess wieder. Wir informieren uns ständig über neuere Entwicklungen und versuchen wirklich „dran zu bleiben“. Das gehört zu der Lebendigkeit unserer Arbeit und ist Bestandteil unserer Professionalität.

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